Harte Schale,
weicher Kern
Die Aufgabe ist denkbar anspruchsvoll: empfindliches Archivgut trifft auf schwierigen Baugrund, höchste konservatorische Anforderungen auf ökologische Verantwortung. Mit dem Historischen Konzernarchiv RWE im Essener Stadtteil Stoppenberg ist dem Büro ELEMENTAR – Studio für Architektur und Transformation gemeinsam mit der GfV Gesellschaft für Vermögensverwaltung mbH als Bauherr ein bemerkenswertes Beispiel für nachhaltiges, zukunftsfähiges und zugleich gestalterisch überzeugendes Bauen gelungen. Die Jury des Verzinkerpreises 2025 zeichnete das Projekt mit dem 1. Preis in der Kategorie Architektur aus.
Was auf den ersten Blick als monolithischer, reduzierter Baukörper erscheint, ist in Wahrheit ein fein abgestimmtes System aus Material, Funktion und Haltung. Unter dem Leitsatz „Harte Schale, weicher Kern“ entwickelten die Architekt:innen ein Gebäude, das höchste Anforderungen an das Raumklima erfüllt, konsequent auf zirkuläres Bauen ausgelegt ist – und dabei gestalterisch überzeugt.
Die „harte Schale“ des Projekts liegt in der äußeren Gebäudehülle: Feuerverzinkter Stahl, kombiniert mit Faserzementplatten, bildet eine robuste, dauerhaft wartungsarme Fassadenhaut, die das Gebäude sowohl funktional schützt als auch architektonisch prägt.
Die großformatigen feuerverzinkten Stahlplatten fügen sich zu einem klar gegliederten Körper mit industrieller, aber ruhiger Anmutung. In gleicher Materialität wurden funktionale Details wie Geländer, Fahrradständer und Steigleitern umgesetzt. Sie unterstützen ein einheitliches Erscheinungsbild und zeigen, wie vielfältig der Werkstoff im architektonischen Kontext einsetzbar ist.
Im Sinne des zirkulären Bauens wurde bewusst auf Materialien gesetzt, die ohne Beschichtungen oder Anstriche auskommen. Die sortenreine Demontierbarkeit der Bauteile ist ebenso Teil der Planung wie deren mögliche Weiterverwendung oder Rückführung in den Materialkreislauf – das gilt auch für die feuerverzinkten Stahlbleche. Dass diese Strategie nicht nur ökologisch, sondern auch ästhetisch überzeugend umgesetzt wurde, betont Prof. Dr.-Ing. Natalie Eßig, Teil der Jury des Verzinkerpreises, in ihrer Würdigung ausdrücklich.
Ein weiteres Highlight verbirgt sich im Inneren: Der „weiche Kern“ bildet ein archivgerechtes Raumklima, ermöglicht durch mehr als 30 cm starke, unbehandelte Holzmassivwände ohne Leimschichten, die Temperaturschwankungen ausgleichen und ohne technische Klimatisierung auskommen. Auf Tageslicht, Wasserleitungen und Dachdurchdringungen wurde im Magazinbereich vollständig verzichtet.
Der Gegensatz zwischen dem rohen, verzinkten Äußeren und dem natürlich warmen Inneren wird gezielt eingesetzt: Am Eingang kehrt sich das Gebäude „nach außen“, dort wird das Holz in der Fassade sichtbar. Die Materialehrlichkeit zieht sich durch bis ins Detail – als Teil einer Haltung, die das Einfache nicht als Verzicht, sondern als architektonische Qualität versteht.
Mit dem Historischen Konzernarchiv RWE ist ein Bauwerk mit Haltung entstanden: präzise, robust, zukunftsorientiert. Ein herausragendes Beispiel dafür, wie feuerverzinkter Stahl integraler Bestandteil einer klugen, zeitgemäßen Architektur sein kann.
Interview
Elementar - Studio für Architektur und Transformation
Was bedeutet für Sie das Leitmotiv „Harte Schale, weicher Kern“ – und wie hat es den Entwurf geprägt?
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Das Leitmotiv „Harte Schale, weicher Kern“ beschreibt treffend die gestalterische Idee: Außen robust, dauerhaft und technisch, innen warm und atmend. Die sichere und schonende Aufbewahrung der teilweise jahrhundertealten Akten, Gemälde, Fotonegative und Filmrollen der Unternehmenssammlung hatte höchste Priorität bei der Planung des Archivgebäudes für RWE. So wurde auf Tageslicht, Wasserleitungen und Durchdringungen der Dachhaut im Magazinbereich grundsätzlich verzichtet und eine Stromfreischaltung eingerichtet. Um bei Sommer oder Winter ein konstantes Raumklima zu gewährleisten und den Technikeinsatz zu minimieren, wurde Holz in Massivbauweise eingesetzt. Ohne Leimschichten, die diese Diffusionsprozesse stören, können die mehr als 30 cm starken Wände Veränderungen der Luftfeuchtigkeit und Temperatur des Innenraums abpuffern. Eingehüllt wird das Holzhaus von großformatigen Platten aus feuerverzinktem Stahl und Faserzement – die harte Schale. Die Robustheit und Langlebigkeit dieser Materialien gewährleisten den langfristigen Schutz des sensiblen Kerns. Ein umlaufendes Pflanzbeet dient zudem als Prallschutz und der Fassadenbegrünung und -gliederung des fensterlosen Magazins. Und nicht zuletzt nimmt das Motto Bezug auf den Standort, mitten Ruhrgebiet: Deren Bewohnern sagt man auch eine gewisse Rauigkeit nach, aber ein weiches Herz.
Warum fiel die Wahl auf großformatige, feuerverzinkte Stahlplatten für die Fassade?
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Das Thema Stahl steht natürlich, wie kaum etwas, für die Industriestandorte in der Region, gleichzeitig ist es kreislauffähig, werterhaltend und robust. Die großen Formate der Fassadentafeln haben etwas mit dem Maßstab der Fassade von ca. 80 m Länge zu tun, mit einer möglichst geringen Anzahl an Befestigungspunkten und einem harmonischen Format der Platten. Dabei ergibt die silbrig schimmernde feuerverzinkte Oberfläche eine ein prägnantes Gestaltungsbild, quasi wie die Schleife um das Schatzkästchen der Firma.
Welche gestalterische Idee steckt hinter dem Einsatz von verzinkten Elementen wie
Geländern, Steigleitern und Fahrradständern?
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Es ist unser Selbstverständnis als Architekten, dass wir keine „goldenen Wasserhähne“ einplanen. Unserer Auffassung nach zeigt sich Nachhaltigkeit auch darin, dass man – wo immer es möglich ist – günstige Standart-Bauteile einplant, wenn diese keine ökologischen Nachteile mit sich bringen. Geländer, Fahrradständer, Steigleitern und die Technik-Einhausung aus Streckmetall sind in der Materialität feuerverzinkt wirtschaftlich verfügbar, sodass diese ein einheitliches Gesamtkonzept abgeben.
Welche Rolle spielt Feuerverzinkung in Ihrem Verständnis von nachhaltigem,
zirkulärem Bauen?
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Die feuerverzinkten Fassadenplatten bilden eine langlebige, wartungsfreie Außenhaut, die nicht geklebt, sondern genietet ist. So könne sie ausgetauscht oder sortenrein zurückgebaut werden. Nach der Nutzung können die Bauteile aus feuerverzinktem Stahl einem hochwertigen Recycling zugeführt werden und haben daher auch dann noch einen Materialwert. Der Rückbau, sollte er irgendwann nötig sein, würde sich also lohnen!
Wie fügen sich die Materialien – verzinkter Stahl, Holz, Faserzement – aus Ihrer
Sicht zu einem architektonischen Ganzen?
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Beim Neubau des Konzernarchivs für RWE in Essen-Stoppenberg war unser Ziel, ein Gebäude zu schaffen, das nicht nur funktional und klimatisch optimiert ist, sondern auch gestalterisch eine klare Haltung zeigt. Die Wahl von gedübeltem, unbehandeltem Massivholz, verzinktem Stahl und Faserzementplatten ist kein Zufall – sie folgt einer Materialstrategie, die auf Nachhaltigkeit, Rückbaubarkeit und architektonische Klarheit setzt. Die silbrige Oberfläche reflektiert das Himmelslicht und verleiht dem Baukörper eine industrielle Klarheit, die bewusst mit dem warmen Holz im Eingangsbereich kontrastiert. Die klare Formensprache des Gebäudes – eine funktionale „Box“ – wird durch die Materialwahl ästhetisch aufgeladen und bildet einen starken Charakter.
Gab es Herausforderungen beim Zusammenspiel dieser Werkstoffe in der Praxis?
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Das Zusammenspiel der drei Haupt-Materialien war recht unkompliziert, da sie sauber geschichtet und gefügt wurden. Ein Diskussionspunkt mit dem Bauherrn ergab sich, da diesem an einer möglichst homogenen Oberfläche der feuerverzinkten Stahlplatten gelegen war, während wir Architekten durchaus ein lebendiges, authentisches Erscheinungsbild zu schätzen wissen. Durch die Zwischenlagerung der verzinkten Stahlplatten auf Lagerhölzern entstand durch die verzögerten Oxidationsprozesse des Zinks bei den unteren Lagen des Stapels jeweils Streifenbildung, die ein – je nach Sichtweise – lebendiges bis unruhige Oberfläche entstehen ließen. Hier wurden einige Platten nochmals ausgetauscht, um die Oberflächen der benachbarten Platten anzugleichen.
Welche Empfehlung würden Sie anderen Architekturbüros geben, die
feuerverzinkten Stahl gestalterisch nutzen möchten?
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Feuerverzinkter Stahl ist für uns nicht nur ein technisches Material, sondern ein gestalterisches Statement. Wer ihn einsetzen möchte, sollte ihn nicht verstecken, sondern sichtbar und ehrlich in die Architektur integrieren. Die Zinkoberfläche erzählt von Dauerhaftigkeit, von industrieller Klarheit und von einer Haltung, die auf Wartungsfreiheit und Kreislauffähigkeit setzt. Feuerverzinkung kann für uns dadurch ein Mittel der Transformation sein.
Project Information
Architekt: Büro ELEMENTAR – Studio für Architektur und Transformation
Kunden: GfV Gesellschaft für Vermögensverwaltung mbH
© Sigurd Steinprinz
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