Verity, West Sussex
Ein schwimmendes Phänomen
Verity ist ein am Gezeitenmündungsgebiet des Flusses Adur in Shoreham-by-Sea gelegenes schwimmendes Haus, das durch räumliche Einschränkungen, Witterungseinflüsse und technische Präzision geprägt ist.
Das für eine anspruchsvolle Meeresumgebung konzipierte Projekt zeigt, wie Feuerverzinkung in einer exponierten Umgebung sowohl architektonischen Charakter als auch langfristigen Schutz bieten kann.
Bauen am Rande des Gezeitenbereichs
Der Entwurf für Verity ging von einem ungewöhnlichen Auftrag aus: Ein verfallenes Landungsboot aus dem Zweiten Weltkrieg durch ein neues schwimmendes Haus auf dem Watt von Shoreham-by-Sea zu ersetzen. Der Standort auf dem Wattgebiet am Ufer des Flusses Adur liegt inmitten einer Hausboot-Gemeinschaft, die aus einer außergewöhnlichen Ansammlung umgebauter Schiffe besteht. Die Lage bietet wunderbare Ausblicke: Im Norden liegen der Fluss und bewachsenes Marschland (ein Vogelschutzgebiet der RNIB), dahinter der Fluss, die normannische Stadt und die South Downs; im Süden erstrecken sich eine offene Grünfläche (Beach Green), der Strand und das Meer. Das Grundstück ist von Ost nach West geteilt, mit einem kleinen Garten und einem Parkplatz im Süden, der durch eine drei Meter hohe Küstenschutzmauer, auf der ein öffentlicher Treidelpfad verläuft, vom Fluss und den Wattflächen getrennt ist. Diese Umgebung brachte jedoch auch erhebliche logistische Herausforderungen mit sich.
Ein speziell entworfenes schwimmendes Haus
Die Eigentümer verwarfen die Option, ein bestehendes Boot umzubauen, da sie erkannten, dass viele Altboote bereits am Ende ihrer Nutzungsdauer angelangt sind und erhebliche Wartungsprobleme sowie Einschränkungen hinsichtlich der Raumaufteilung und der Wohnqualität mit sich bringen können. Eine vollständig in einer Werft gebaute Alternative wurde ebenfalls aus Kostengründen ausgeschlossen. Die Lösung stattdessen: Ein speziell entworfenes schwimmendes Haus. Eines, das speziell für den Standort, die erforderlichen Wohnräume und die Realitäten eines langfristigen Lebens auf dem Wasser konzipiert wurde.
Die Architektur entstand aus einer Kombination von Planungsanforderungen und baulicher Logik. Eine zentrale Planungsvorgabe war, dass das Gebäude „bootartig“ wirken sollte. Die daraus resultierende Form ist lang und linear und spiegelt die Gestalt des Grundstücks wider. An der freistehenden, dem öffentlichen Treidelpfad zugewandten Seite steigt das Obergeschoss an und läuft spitz zu. Dadurch entsteht ein kantigeres Profil, das dem Gebäude die markante Form eines Schiffsbugs verleiht.
Diese Gestaltung ist nicht nur formaler Natur. Das Untergeschoss an diesem Ende beherbergt einen Kinoraum, der keine Fenster benötigt, wodurch die Außenfassade bewusst massiv und geschlossen bleiben kann. Im Gegensatz dazu öffnen sich die Wohnräume im Obergeschoss und im hinteren Untergeschoss durch großzügige Verglasungen vollständig zum Fluss hin.
Struktur als Raum
Im Inneren ist das Haus um einen lichtdurchfluteten zentralen Wohnbereich herum angeordnet, der von oben und durch gegliederte, nach Süden ausgerichtete Fensterfronten beleuchtet wird. Das Ergebnis ist ein heller, flexibler Innenraum, der durch Tageslicht und Reflexionen vom Wasser belebt wird. Schlafzimmer, Badezimmer und Wirtschaftsräume sind in einer Reihe entlang eines Flurs angeordnet und bieten seitliche Ausblicke auf benachbarte Wasserflächen sowie Decken, die durch das wechselnde Licht zum Leben erweckt werden.
Im Zentrum des Entwurfs steht die freiliegende Tragkonstruktion. Stauraum, Technik und Wohnfunktionen sind in den Primärrahmen integriert, der im gesamten Innenraum vollständig sichtbar bleibt. In diesem Projekt wird die Struktur nicht verborgen: Sie prägt das architektonische Erlebnis unmittelbar.
Konstruktion für eine ungeschützte Umgebung
Da Gewicht der Feind des Auftriebs ist, musste die Konstruktion sowohl leicht als auch steif sein. Außerdem musste sie sich ohne Gerüste auf dem Watt montieren lassen. Die Lösung war ein leichter Rahmen aus Walzstahl in Form eines vergrößerten Warren-Fachwerks, der von kaltgeformten Stahlträgern und mit Bolzen verbundenen Querverstrebungen getragen wurde.
Der Bau erfolgte in vier Sektionen, beginnend mit dem Flussabschnitt. Jeder Abschnitt wurde in Reichweite des Krans montiert und dann bei Flut auf das Wasser gesetzt, um Platz für den Nächsten zu schaffen. Diese ungewöhnliche Abfolge stellte erhebliche Anforderungen an die Materialauswahl, insbesondere an den Hauptrahmen, der bereits in den frühesten Bauphasen den Transport, die Handhabung und die Witterungseinflüsse aushalten musste.
Für den Tragrahmen erwies sich die Feuerverzinkung als die naheliegende Wahl. An einem Standort mit rauen Meeres- und Gezeitenbedingungen bot sie die für das Projekt erforderliche Langlebigkeit, Widerstandsfähigkeit und Präzision. Der Stahlrahmen konnte präzise gefertigt, vor der Anlieferung auf die Baustelle vollständig fertiggestellt und effizient montiert werden, ohne dass befürchtet werden musste, die Oberflächenbeschaffenheit könnte während des Bauprozesses beeinträchtigt werden.
Vor allem aber bot die Feuerverzinkung den langfristigen Schutz, den ein Gebäude braucht, das den Elementen derart ausgesetzt ist. Anstatt auf ein zusätzliches Beschichtungssystem zu setzen, das anfällig für Beschädigungen sein und im Laufe der Zeit mehr Wartung erfordern könnte, bot die verzinkte Oberfläche von Anfang an robuste Leistung.
Kein Teil des Rahmens wurde zusätzlich lackiert oder beschichtet. Stattdessen wurde die feuerverzinkte Oberfläche als zentrales Element des Designs vollständig sichtbar belassen.
Der freiliegende Rahmen aus verzinktem Stahl ist eines der charakteristischen Merkmale von Verity. Er wird nicht als rein technische Notwendigkeit betrachtet, sondern wird zu einem architektonischen Gewinn, der den Innenräumen Rhythmus, Struktur und visuelle Klarheit verleiht. Jedes Stahlelement weist ein eigenes, subtiles kristallines Muster auf, das der Konstruktion eine materielle Fülle verleiht, die sowohl praktisch als auch raffiniert ist. Während der Bauphase verwitterte die Verzinkung leicht und entwickelte einen gedämpften silbergrauen Farbton. Diese Oberfläche verleiht dem Rahmen nun eine ruhige Ausstrahlung, die sich natürlich in das Haus einfügt und eng mit den subtilen Grün- und Brauntönen der umliegenden Wattlandschaft harmoniert. Das Ergebnis ist eine Farbpalette, die gleichzeitig industriell, ehrlich und ortsbezogen wirkt. In diesem Sinne leistet die Feuerverzinkung weit mehr als nur Korrosionsschutz. Sie trägt dazu bei, den Charakter des Gebäudes zu definieren, indem sie die Logik seiner Konstruktion zum Ausdruck bringt und gleichzeitig seine Verbindung zur Flussmündungslandschaft verstärkt.
Verity ist ein Projekt, das von den Gegebenheiten des Standorts, der Konstruktion und der Witterungseinflüsse geprägt ist. Seine Architektur ergibt sich aus den Anforderungen an Auftrieb, Planung, Logistik und Klima und nicht aus stilistischen Gesten. Diese Klarheit verleiht dem Gebäude seine Stärke.
Als schwimmendes Haus in einer anspruchsvollen maritimen Umgebung verdeutlicht es, wie wichtig es ist, von Anfang an die Leistungsfähigkeit der Materialien im Blick zu haben. Hier ist die Feuerverzinkung nicht nur für die Langlebigkeit und den dauerhaften Schutz von entscheidender Bedeutung, sondern prägt auch die Identität der Architektur selbst.
Projekt-Informationen
Fotografie
thinking space ltd


