Sabrina Pick

Stahl und Stein
im Dialog

Burg Neu-Aspermont, Bündner Rheintal (Schweiz)

Skulpturale Treppe, konstruktive Zurückhaltung

Auf einem Felssporn hoch über dem Rheintal in Graubünden thront sie: die Ruine der Burg Neu-Aspermont, eine spätmittelalterliche Spornburg mit quadratischem Bergfried, mehrteiligem Palas und vorgelagerter Rundmauer. Was jahrzehntelang vom Zerfall bedroht war, wurde durch eine minimalinvasive, klug komponierte Sanierung bewahrt und neu zugänglich gemacht. Nicht trotz, sondern dank moderner Stahlarchitektur.

Die 2023 abgeschlossene Restaurierung – realisiert von Jonger Architekten gemeinsam mit Michele Vassella Architekt und Conzett Bronzini Partner als Tragwerksplaner – demonstriert eindrucksvoll, wie feuerverzinkter Stahl in der Denkmalpflege gestalterisch, funktional und atmosphärisch eingesetzt werden kann. Die Burg wurde mit dem Verzinkerpreis 2025 ausgezeichnet – für eine Architektur, die sich zurücknimmt und dabei Großes leistet.

Herzstück des Arrangements oder des Ensembles ist eine filigrane, feuerverzinkte Wendeltreppe, die sich behutsam durch die Turmruine schraubt. Sie ermöglicht neue Wege durch das Bauwerk, aber auch neue Perspektiven auf das Zusammenspiel von Landschaft, Ruine und Geschichte. Die Stahlkonstruktion reagiert präzise auf den Bestand: Sie nimmt Öffnungen, Mauerfluchten und statische Besonderheiten auf und berührt die historische Substanz nur punktuell.

Drei schlanke Stahlstützen tragen das Bauwerk. Ihre Fundamente wurden gezielt außerhalb tragfähiger Altbauteile gesetzt, um jede Belastung des empfindlichen Bruchsteinmauerwerks zu vermeiden. Die Wendeltreppe selbst wurde mittels Punktwolkenvermessung vorgefertigt, in sechs Segmenten per Helikopter eingeflogen und verschraubt. Minimaler Eingriff bei maximaler Passgenauigkeit.

 

Das Tragwerk ist als U-Querschnitt mit Flachblechversteifungen ausgeführt und hält selbst bei dynamischer Belastung stand. Besonders die Verzinkung leistet hier mehr als nur Korrosionsschutz: Sie verleiht der Treppe eine Oberfläche, die im rauen Klima alter Mauern dezent altert und sich zugleich selbstbewusst als Teil einer neuen Schicht in der Geschichte der Burg zeigt.

Schutz und Atmosphäre im Turm

Ein weiteres Highlight: das transluzente Schutzdach, das als filigranes Flächentragwerk auf Betonauflagerpunkten im Mauerwerk ruht. Die Stahlkonstruktion liegt in der Ebene des einstigen Dachfirstes, ist von außen kaum sichtbar und erzeugt im Inneren einen diffusen Lichteinfall, der die Raumstimmung je nach Wetterlage verändert. Der Turm wird so nicht nur konserviert, sondern neu lesbar gemacht.

Was das Projekt besonders macht ...

… ist die zeitliche Ablesbarkeit der Eingriffe. Der neue Stahlbau tritt nicht in Konkurrenz zur Geschichte, sondern stärkt ihre Präsenz. Die Treppe, das Dach, die Stützen – alles bleibt ablesbar, reversibel und respektvoll. Theo Schnider, Teil der Jury des Verzinkerpreises 2025, betont: „So wie sich der Stein im Verbund gegen das Einstürzen der Mauer wehrt, so schützt die verzinkte Oberfläche die Stahlkonstruktion vor dem Rost.“

Die Burg Neu-Aspermont ist damit nicht nur ein gelungenes Restaurierungsprojekt. Sie ist ein Plädoyer für das Zusammenwirken von alter Substanz und neuer Technik, von Dauerhaftigkeit und Zurückhaltung. Und ein Beweis, dass feuerverzinkter Stahl im besten Sinne architektonisch sprechen kann – leise, aber mit Haltung.

Interview
Jonger Architekten

Interview von:
Sabrina Pick

Was war Ihre zentrale gestalterische Idee bei der Erschließung und Restaurierung der Burg – und wie lässt sich historische Substanz zeitgenössisch ergänzen?

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Um die Restaurierung der Burg zu konzipieren, waren die Untersuchungen des Archäologischen Dienstes maßgeblich. Das Ziel war eine Sicherung und keine Rekonstruktion. Die Verputzanalysen durch einen Materialtechnologen lieferten die erforderlichen Werkzeuge. Die Einschätzung des Bauingenieurs war wichtig, um den Umfang der Eingriffe zu definieren.

Für die neue Erschliessung des Turmes betrachten wir die Burg als ein landschaftliches Element, zu dem wir uns statisch und konstruktiv verhalten. Wir entwickeln eine Treppenfigur in Stahl als Szenario – als Weg durch die Ruine – und als Plattform für ausgewählte Ausblicke in die Landschaft. Die Form dieser Treppe, die Wendeltreppe, lehnt sich an die Gestaltung bekannter Treppen in historischen Burgen und Schlössern an, hier wurde sie abstrahiert.

Die Wendeltreppe wirkt wie ein gezeichneter Pfad durch die Ruine. Was waren Ihre Überlegungen zu Form, Material und Einbindung in den Bestand?

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Die Eingriffe verdeutlichen, dass die Architektur in der Lage ist, die vielfältigen Interessen beim Erhalt einer Ruine in Einklang zu bringen. Dies setzt voraus, dass sie sich selbst Raum nimmt, sich von dem Wunsch nach Rekonstruktion löst und nicht didaktisch wird. So entsteht ein Gleichgewicht zwischen Zurückhaltung und Präsenz, zwischen Pragmatismus und Idealismus sowie zwischen Veränderung und Bewahrung.

Warum fiel die Wahl auf feuerverzinkten Stahl – auch bewusst als sichtbares Material?

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Es sollte ein Material sein, das eine filigrane, aber statisch anspruchsvolle Konstruktion erlaubt und sich farblich sowie haptisch im Bestand nicht abhebt. Verzinktem Stahl begegnet man täglich auf den Straßen und entlang der Gleise. Es ist also ein Material, welches vorwiegend bei Infrastrukturen zur Anwendung kommt. Die neuen Bauteile der Burg Neu-Aspermont kann man als solche verstehen.

Welche Herausforderungen oder Erkenntnisse ergaben sich bei der Umsetzung – insbesondere im Zusammenspiel von Bestand, Topografie und Präzision?

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Die Planung umfasst nicht nur die Konzeption, sondern auch die Ausarbeitung eines Förderantrags, der – wie im Fall von Neu-Aspermont, einem Schutzobjekt von nationaler Bedeutung – einen erheblichen Teil der Finanzierung sicherstellte. Weiter galt es, die umfassende Expertise aller Beteiligten produktiv zu koordinieren: Die Kantonsarchäologie, die das Objekt erforschte und dokumentierte, wollte rechtzeitig einbezogen werden. Die Denkmalpflege strebte nach dem maximalen Erhalt der historischen Substanz. Ein Bundesexperte für Ruinen stand beratend zur Seite und vor Projektbewilligung liess sich die Bündner Natur- und Heimatschutzkommission um ihre Zustimmung bitten. Darüber hinaus gab es noch die Herausforderung der Risse in den Mauern, zu denen es zwar unterschiedliche Meinungen, aber keine eindeutig berechenbare Gewissheit gab.

Das transluzente Schutzdach schafft neue Raumqualitäten im Turm. Wie wurde dieses Stahltragwerk entwickelt – auch atmosphärisch gedacht?

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Ein Schutzdach verändert den Charakter einer Burgruine fundamental. Wir nutzen es als Chance, um eine neue Raumqualität zu schaffen. Das transluzente Material bringt die Abstraktion ins Element und lässt den Turm gleichzeitig so hell erscheinen, wie es bei dieser Burgruine seit Jahren der Fall war.

Welche Rolle spielt das Thema Reversibilität, Dauerhaftigkeit und Materialethik in Ihrem Architekturverständnis?

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Für die Denkmalpflege war die Reversibilität entscheidender. Die neue Treppenfigur steht hierfür sinnbildlich steht auf drei Stützen, welche die Lasten der Wendeltreppe abtragen und den Boden minimal berühren. Die baulichen Massnahmen an den historischen Mauern werden damit auf ein Minimum reduziert. Die Fragilität der Konstruktion stärkt die materiellen Qualitäten der Burg: die schweren, lastabtragenden Steine der Meterdicken Mauern.

Welche Erfahrungen aus dem Projekt würden Sie an Kolleg:innen weitergeben, die feuerverzinkten Stahl im historischen oder denkmalgeschützten Kontext einsetzen möchten?

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Egal, für welches Material man sich bei einem Projekt entscheidet: Wichtig ist, dass man sich mit dessen Eigenschaften auseinandersetzt. Zum Beispiel darf feuerverzinkter Stahl auf der Baustelle nicht angepasst oder geschweißt werden. Dies Einschränkung nutzten wir, um die Montage massiv zu beschleunigen und die Baustelleninstallation zu reduzieren: wenige vorgefertigte Elemente wurden als Ganzes verzinkt, mit dem Helikopter eingebracht und vor Ort verschraubt.

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Projektinformationen

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