Eisenbahnerlebnislandschaft, Putbus

Ein neues Zuhause für den rasenden Roland

Wer in Putbus den Zug verlässt, betritt keinen gewöhnlichen Provinzbahnhof. Vielmehr beginnt hier eine Zeitreise für Bahnliebhaber. Der „Rasende Roland“, eine der letzten historischen Schmalspurbahnen im regulären deutschen ÖPNV, prägt seit über einem Jahrhundert das Bild der Insel Rügen. Seine Geschichte ist eng mit dem Ort verbunden. Für Touristen ist der Zug eine Attraktion, für die Inselbewohner ein Stück Heimat.

Mit der neuen Eisenbahnerlebniswelt am Bahnhof Putbus ist dieser Geschichte nun ein baulicher Rahmen gegeben worden, der Tradition und zeitgemäße Ingenieurbaukunst in eine präzise austarierte Balance bringt. Die neue, rund 190 Meter lange Wagenhalle setzt eine klare lineare Figur entlang der Gleise. Ihre Kubatur ist reduziert, die Gliederung rhythmisiert durch das Tragwerk. In Maßstab und Proportion reagiert der Bau auf das gewachsene Bahnhofsensemble und übersetzt historische Typologien in eine zeitgenössische Formensprache.

Einklang von Authentizität und Inszenierung

Die vorhandenen Werkstattstrukturen aus der Gründungszeit der Kleinbahn entsprachen weder heutigen Sicherheitsstandards noch den funktionalen Anforderungen eines modernen Eisenbahnbetriebs. Für Wartung und Instandhaltung der historischen Lokomotiven und Wagen war eine neue, leistungsfähige Infrastruktur erforderlich.

Gleichzeitig verfolgt das Projekt einen kuratorischen Anspruch: Technik soll nicht hinter verschlossenen Toren verschwinden, sondern sichtbar bleiben. Eine barrierefrei erschlossene Aussichtsplattform im Kopfbau ermöglicht gezielte Blickbeziehungen über das Gelände. Der Bahnbetrieb wird inszeniert, ohne seine Authentizität zu verlieren. Die konstruktive Herausforderung liegt dabei in der Umwelt: salzhaltige Seeluft, hohe Luftfeuchtigkeit und Windbeanspruchung durch die Ostseenähe. Entsprechend wurde die Stahlkonstruktion für die Korrosivitätskategorie C5 dimensioniert. Dauerhaftigkeit ist hier integraler Bestandteil des Entwurfs.

Schutzwirkung und architektonischer Ausdruck

Die Wagenhalle ist als klar ablesbare Stahlrahmenkonstruktion konzipiert. 24 Zweigelenkrahmen aus HEB 300-Profilen strukturieren den Bau im 7-Meter-Raster und überspannen zwei Gleise sowie einen Mittelbahnsteig. Diese Tragstruktur definiert den Raum durch ihre Tiefe und ein rhythmisches Formspiel.

Die Verzinkung bleibt dabei sichtbar und verleiht dem Tragwerk eine klare, materialechte Visualität. Schutzwirkung und architektonischer Ausdruck stehen im Einklang. Transluzente Profilglasflächen und Streckmetallelemente modulieren Licht und Transparenz. Die Halle bleibt offen genug, um den Betrieb erlebbar zu machen, und geschlossen genug, um den historischen Fahrzeugbestand zu schützen.

Insgesamt wurden über 130 Tonnen feuerverzinkter Profilstahl verbaut. Die Feuerverzinkung war integraler Planungsbestandteil, um der maritimen Atmosphäre langfristig standzuhalten. Auch Pfetten, Unterkonstruktionen und der Dachstuhl des Kopfbau-Walmdachs sind feuerverzinkt ausgeführt.

Technische und emotionale Bereicherung

Mit der Eisenbahnerlebniswelt erhält der Standort Putbus eine infrastrukturelle Neuordnung und zugleich eine räumliche Aufwertung. Die historischen Wagen werden witterungsgeschützt untergestellt und der Betrieb des „Rasenden Roland“ langfristig gesichert. Der Mehrwert für die Region liegt nicht nur im Tourismus, sondern in der Stabilisierung eines identitätsstiftenden Ortes. Die Architektur dient als Transporteur von Kontinuität.

Feuerverzinkter Stahl spielt dabei eine zentrale Rolle: Er gewährleistet Robustheit im aggressiven Küstenklima, minimiert Instandhaltungszyklen und unterstützt den gestalterischen Anspruch des Projekts. So entsteht ein Bauwerk, das technisch wie emotional überzeugt.

Oliver Pickartz
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