Sabrina Pick

Zukunft bauen
aus Bestand

VinziRast am Land, Mayerling (Österreich)

Auf dem Land, eine Autostunde von Wien entfernt, steht ein Gewächshaus, das mehr erzählt als so mancher Glasbau der Gegenwart: Seine feuerverzinkte Stahlkonstruktion stammt aus den 1960er Jahren, wurde in einer St. Pöltner Gärtnerei jahrzehntelang genutzt und später demontiert, transportiert und von ehemals obdachlosen Menschen gemeinsam mit Ehrenamtlichen wieder aufgebaut. Heute ist es Teil eines ungewöhnlichen Ensembles: VinziRast am Land, ein sozioökonomisches Projekt mit starkem architektonischem Fundament und einem unübersehbaren Bekenntnis zu Materialkreisläufen, Dauerhaftigkeit und sozialer Verantwortung.

Das 700 Quadratmeter große Bauwerk dient heute nicht nur dem Gemüseanbau, der Anzucht von Kräutern und der Bewirtschaftung durch solidarische Landwirtschaft – es wird künftig auch als Veranstaltungsraum genutzt: Der südwestliche Teil, als Orangerie bezeichnet, soll kulturellen und gemeinschaftlichen Anlässen Platz geben. So wird das Gewächshaus nicht nur zum Zentrum des landwirtschaftlichen Alltags, sondern auch zum architektonischen und sozialen Mittelpunkt des gesamten Areals.

Wiederverwenden statt entsorgen – mit Stahl

Der Ausgangspunkt des Projekts war eine leerstehende Hotelanlage mit Luxusrestaurant, deren vier Baukörper aus unterschiedlichen Jahrzehnten nach einem Konkurs in Verfall gerieten. Das Wiener Architekturbüro gaupenraub+/–, unter der Leitung von Prof. Alexander Hagner und Ulrike Schartner, entwickelte daraus in enger Zusammenarbeit mit Nutzer:innen, Handwerksschulen und Ehrenamtlichen einen neuen, multifunktionalen Ort: mit Wohnplätzen für ehemals obdachlose Menschen, einer Hofküche, Seminar- und Gemeinschaftsräumen, einem Hofladen – und eben jenem wiederaufgebauten Gewächshaus.

Planung und Umsetzung folgten dabei konsequent zirkulären Prinzipien: Wiederverwendete Pflastersteine, eine umgenutzte Feldscheune als neuer Hühnerstall, wiederverwertetes Mobiliar aus feuerverzinktem Stahl. Die Bauteile des Glashauses wurden in St. Pölten Stück für Stück demontiert, sortiert, transportiert und auf dem neuen Gelände mit Unterstützung zweier pensionierter Monteure erneut zusammengesetzt. Nur die Verglasung wurde aus sicherheits-, normtechnischen und logistischen Gründen ersetzt.

Ergänzend entstanden neue Elemente – etwa Fluchtstiegen, Balkone und Geländer –, ebenfalls in feuerverzinkter Ausführung, die sowohl den gestalterischen Duktus des Gewächshauses fortführen als auch hohe statische Anforderungen im Außenraum erfüllen. Der Werkstoff bringt dabei nicht nur konstruktive Robustheit und Wartungsarmut mit, sondern auch eine formale Klarheit, die dem Projekt architektonisch Ausdruck verleiht.

Vom Rückbau zum Neubeginn

VinziRast am Land wurde beim Verzinkerpreis 2025 mit einer Belobigung in der Kategorie Metallgestaltung ausgezeichnet – und das zu Recht. Stefan Elgaß, Teil der Verzinkerpreis-Jury, würdigte die bewusste Abkehr vom „Möchtegern“ hin zu einer Architektur, die Bestand wertschätzt, Geschichte mitdenkt und gesellschaftliche Verantwortung nicht als Nebensatz versteht, sondern als gestalterisches Fundament. Besonders hervorgehoben wurde das Glashaus als „Beweis für die Langlebigkeit und Wiederverwendbarkeit verzinkter Stahlkonstruktionen“.

Feuerverzinkter Stahl steht hier nicht am Rand, sondern im Zentrum: als dauerhafter, robuster und zugleich identitätsstiftender Werkstoff. VinziRast am Land zeigt, wie sich Architektur zirkulär und sozial zugleich denken lässt – mit Respekt vor dem Bestehenden, klarem Konstruktionswillen und einem offenen Blick für die transformative Kraft des Gebauten.

Projekt-Galerie

Projektinformationen

Nächster Artikel
Scroll to Top