Architektur der Teilhabe
Architektur der Teilhabe
Inklusion ist ein politisches Ziel – doch ihre räumliche Umsetzung bleibt vielerorts eine gestalterische Herausforderung. Die Wendelstein Werkstätten im oberbayerischen Rosenheim zeigen, wie anspruchsvolle Architektur für Menschen mit körperlicher oder kognitiver Beeinträchtigung nicht nur funktional, sondern auch gestalterisch präzise umgesetzt werden kann. Der Neubau von studio lot und opposite office in Zusammenarbeit mit hanfstingl architekten verbindet Funktion, Struktur und Materialwahl zu einem kohärenten, selbstbewussten Ensemble.
Die Werkstatt bietet 120 Arbeitsplätze sowie eine Förderstätte für 24 Personen mit hohem Unterstützungsbedarf. Drei geometrisch unterschiedliche Innenhöfe – rund, quadratisch, dreieckig – rhythmisieren den klar strukturierten Baukörper, bringen Tageslicht ins Gebäudeinnere und ermöglichen Orientierung. Der ringförmig angelegte Erschließungsflur gliedert die Nutzungseinheiten und fördert Durchlässigkeit, ohne Komplexität zu erzeugen. Großzügige Fensterflächen schaffen Sichtachsen und Verbindungen über die Geschosse hinweg. So entsteht eine Arbeitsumgebung, die Struktur und Offenheit ausbalanciert.
Ein wesentliches architektonisches Merkmal ist der extensive Einsatz feuerverzinkter Stahlbauteile. Die Fassadenöffnungen wurden als Pfosten-Riegel-Konstruktionen im VISS-System ausgeführt, ergänzt durch maßgefertigte Fensterflügel, Brüstungen und Sitznischen. Die verzinkte Oberfläche bleibt sichtbar und transportiert eine industrielle Ästhetik, die dem Ort gerecht wird – nüchtern, robust, dauerhaft. Die 28 Zentimeter tiefen Profile fungieren nicht nur als konstruktive Elemente, sondern auch als alltägliche Kontaktflächen: Sie laden zum Sitzen ein und betonen die Idee eines Werkstattgebäudes als sozialen Raum.
Im Innenraum setzen sich die klaren Materialkonzepte fort: Sichtbeton, offen geführte Installationen, helle Fliesen, gebürsteter Edelstahl und ausgewählte Holzverkleidungen schaffen Kontraste zwischen technischer Klarheit und räumlicher Wärme.
Auch Nebenbauteile wie Terrassenkonstruktionen, Einbaumöbel oder außenliegende Treppenhäuser wurden aus feuerverzinktem Stahl gefertigt. Hier wird Feuerverzinkung nicht als rein technisches Verfahren verstanden, sondern als gestalterischer Faktor, der das visuelle und funktionale Rückgrat des Entwurfs bildet.
Die Wendelstein Werkstätten stehen exemplarisch für eine Architektur, die über reine Barrierefreiheit hinausdenkt. Teilhabe wird hier über räumliche Qualität organisiert – über Transparenz, Belichtung, klare Wegeführungen und atmosphärische Vielfalt. Die Jury des Verzinkerpreises 2025 würdigt diese Leistung mit einer Anerkennung im Bereich Metallgestaltung. Sebastian Engelskirchen lobt die gelungene Verbindung aus sozialem Anspruch, konstruktiver Präzision und nachhaltiger Ausführung.
In Zeiten knapper öffentlicher Budgets und wachsender sozialer Verantwortung demonstriert dieses Projekt, dass gute Architektur nicht nur eine Frage der Mittel, sondern der Haltung ist. Die Wendelstein Werkstätten beweisen: Baukultur kann inklusiv sein – und dabei architektonisch anspruchsvoll, wirtschaftlich und zukunftsfähig.
Projekt-Informationen
Architektur
studio lot / opposite office / hanfstingl architekten
Fotografie
Edward Beierle